Fehlatal

Schlaglichter auf die Entwicklung des Gammertinger Marktplatzes - auf dieser Seite sehen Sie drei Gemälde des Renninger Künstlers Roland Gäfgen, die den Gammertinger Marktplatz im späten 13., im frühen 17. und im späten 18. Jh. zeigen.

Diese Bilder und die zugehörigen Texte wurden erstmals auf der Ausstellung „Als Gammertingen marktreif wurde“ im Oktober 2019 im Städtischen Museum „Im Alten Oberamt“ präsentiert. Sie gehen auf die noch unpublizierte Auswertung der Schlossplatz-Grabungen aus 2012/2013 durch Dr. Sören Frommer zurück. Die Auswertung erlaubt – in Zusammenhang mit den Erkenntnissen zu St. Michael sowie einzelnen kleineren „archäologischen Fenstern“ in der Stadt einen ganz neuen Blick auf die Entwicklung der Stadttopografie und mittelbar auch auf die Stadtgeschichte.
Es ist vorgesehen, die Ergebnisse der Frommerschen Auswertungen nicht nur als wissenschaftliche Arbeit zu publizieren, sondern darüber hinaus auch in laienverständlicher Form als neue „archäologisch-historische Stadtgeschichte“ Gammertingens, unter Mitarbeit des Tübinger Historikers Joachim Jehn. Für diese neue Stadtgeschichte sind insgesamt sieben aquarellierte Zeichnungen geplant, die Schlüsselszenen der Gammertinger Stadtentwicklung in Mittelalter und früher Neuzeit beleuchten.


Marktplatz der Stadtgründungszeit

"Frühester Marktplatz"

Schon etwa um das Jahr 1000 existierte auf der ehemaligen Lauchertinsel eine frühstädtische Siedlung zur Niederungsburg der älteren Grafen von Gammertingen bei St. Michael. Sie wurde wahrscheinlich im späten 11./frühen 12. Jahrhundert unter den Grafen Arnold und Ulrich I. mit einer Ringmauer umgeben, Massivbau und Ziegeldeckung hielten Einzug. Wohl im Umfeld der Tübinger Fehde 1164/66 – und in zeitlichem Zusammenhang mit dem Aussterben der Grafen – wurde die Frühstadt Gammertingen weitestgehend zerstört. Die Ruinen blieben gleichwohl bewohnt, Holzhäuser wurden wiederaufgebaut, nach Südwesten wurden sogar die Grenzen der ehemaligen Befestigung überschritten. In den 1270er Jahren schließlich kam es zur Stadtgründung, vermutlich unter habsburgisch-württembergischer Stadtherrschaft – Albrecht von Schenkenberg, unehelicher Sohn König Rudolfs von Habsburg, heiratete Mechthild, die Tochter Ulrichs des Stifters von Württemberg, der über die weibliche Linie tatsächlich Erbe der Gammertinger Grafen sein könnte. Die Stadt wurde direkt neben dem älteren Siedlungskern gegründet und band diesen ein. Links am neuen Marktplatz stehen die Häuser der älteren frühstädtischen Siedlung. Im Hintergrund ist noch ein Rest der ruinierten Umfassungsmauer zu sehen. Zwischen den Häusern mündet die alte Hauptstraße (heute August-Reiser-Straße) aus der Richtung des ehemaligen gräflich-gammertingischen „Schlosses“ auf den entstehenden Marktplatz, macht dort einen Bogen und quert die Lauchert auf einer Holzbrücke in Richtung Dorf. Rechts gegenüber den alten Häusern stehen die ersten Gebäude der entstehenden Stadt: allen voran das neu errichtete Rathaus, hinter dem sich die Stadt Richtung „Breite“ fortsetzte. Von Beginn an als mehrteiliger Baukomplex geplant, schließen Richtung Fluss Zungenmauern an das Rathaus an, an die später angebaut werden sollte. Doch wird dieser Platz zunächst noch durch ein Provisorium eingenommen: einen in Pfostenbauweise errichteten Gasthof, der sich noch an der alten Holzbrücke orientiert, deren Tage jedoch schon gezählt sind. Links von ihr ist bereits eine Steinbrücke in Bau, von der aus man den neuen Marktplatz in gerader Linie betreten konnte. Der „neue Marktplatz“ ist - anders als die nach Gauselfingen führende Hauptstraße - nach Südwesten auf Neufra hin ausgerichtet, in Richtung der Grafschaft Hohenberg, aus der Getrud Anna, die Frau des Königs, stammte. Rechts hinten im Dorf sieht man die Dorfkirche, heute Stadtpfarrkirche St. Leodegar. Sie ist eingerüstet - ihr Neubau wurde im Jahre 1276 abgeschlossen. Es ist denkbar, dass diese Baumaßnahme in Zusammenhang mit einer geplanten Klostergründung durch das Habsburger Hauskloster St. Leodegar im Hof in Luzern steht - noch 1291 ist ein Eigenmann des Luzerner Klosters in Hettingen nachgewiesen. Möglich, dass im Zusammenhang dieser Veränderungen auch der Bau einer neuen Pfarrkirche in der Stadt geplant war – am oberen Ende des Marktplatzes im Rücken des Betrachters? Der dynamische und nicht unambitionierte Stadtgründungsprozess wurde jäh unterbrochen. Mechthild von Württemberg starb spätestens 1281, Albrecht von Schenkenberg heiratete in die Grafschaft Löwenstein ein. Kurze Zeit später überwarf sich Mechthilds Halbbruder Graf Eberhard mit Habsburg, 1285 kam es zum Reichskrieg gegen Württemberg. Es sollte Jahrzehnte dauern, bis in Gammertingen – das nun zur Grafschaft Veringen gehörte – wieder gebaut wurde; die Stadtgründung kann erst um 1330 als vollendet gelten.

Interaktiver Stadtplan

Bau des Speth’schen Stadtschlosses

„Nach dem großen Brand“

Um das Jahr 1410 ereignete sich ein verheerender Stadtbrand in Gammertingen, dem große Teile der Stadt zum Opfer fielen. Danach war nichts mehr wie zuvor. Der hinter dem ehemaligen Rathaus Richtung Breite gelegene Stadtteil wurde aufgegeben, dafür wurde die Stadt zum Fluss hin um die Häuserzeile jenseits der damals angelegten Schwedengasse erweitert – hier stehen die Häuser auf spätmittelalterlichem Brandschutt! Im Nordosten und Südosten wurde die Stadtmauer neu errichtet und gegenüber ihrer Vorläuferin im Uhrzeigersinn gedreht. Diese ungewöhnliche Maßnahme bewirkte, dass in der Ostecke der Stadt neuer Platz entstand – ein Platz, der für den Bau des repräsentativen Stadtschlosses der Rechberger genutzt wurde, die seit dem Aussterben der Grafen von Veringen Herren über Gammertingen waren. Auch wenn das Schloss um 1620 nicht mehr stand, lässt sich am Bild die Struktur der in der 1. Hälfte des 15. Jh. wiederaufgebauten Stadt noch gut nachvollziehen. Das Rechberger Stadtschloss stand diagonal zwischen dem in Gammertingen heute noch lagemäßig bekannten „Alten Rathaus“ am Unteren Tor und der herrschaftlichen Zehntscheuer am rechten Stadtrand. Gegenüber dem im Bild sichtbaren Speth’schen Schlossbezirk des frühen 17. Jh. war das Rechberger Schloss noch etwas weiter in den Marktplatz hineingerückt – auf dem freilich das gegen 1570 errichtete „Lohmüllerhaus“ noch nicht stand: Der Marktplatz – für den König Siegmund 1418 das erste bekannte Gammertinger Marktprivileg gewährte – war ein großer Dreiecksmarkt, der im Osten vom Schloss, im Nordosten vom Rathaus, im Südosten von der Zehntscheuer und nach Nord- und Südwesten von traufständigen Bürgerhäusern eingefasst wurde. Deren prächtigstes war seit dem späten 15. Jh. das spätere Wirtshaus „Zum Ochsen“ am Ausgang der Hauptstraße Richtung Oberes Tor. Nach dem Ende der Bubenhofischen Stadtherrschaft gegen 1520 erlebte Gammertingen politisch schwere Zeiten; bei ihrer Rückkehr 1557 fanden die Speth chaotische Verhältnisse vor. Wieder beginnt der Neuaufbau 1564 mit einem Marktprivileg – ab 1568 finden wir Hinweise für grundlegende Änderungen: Die in Hettingen residierenden Speth kaufen die zwischen unterem Tor und Badhaus (im Bild: hinter dem Rathaus) gelegenen „Wilhelmischen Güter“, das Rechberger Schloss wird abgerissen und mit dem Lohmüllerhaus eine Abgrenzung zwischen wiederverkleinertem Marktplatz („Rathausplatz“) auf der einen und Hauptstraße / Vorplatz Zehntscheuer auf der anderen Seite errichtet. Die Arbeiten am neuen, gegenüber dem Rechbergischen städtebaulich deutlich zurückgenommenen Schlossbezirk werden jedoch nicht vorrangig betrieben. Wichtiger scheint Dorothea von Rechberg, der Frau Philipp Dietrich Speths, die Wiedererrichtung der ruinierten Michaelskapelle zu sein. Erst als die Erbteilung der Herrschaft näherrückt und eine Residenz in Gammertingen unabweislich wird, beschleunigen sich die Arbeiten. Als Caspar Bernhard Speth 1599 sein neues Schloss bezieht, ist er mit dessen Zustand jedoch nicht glücklich und baut umgehend kräftig weiter. Ursprungsbau des „Schlosses unter den Linden“, wie es später genannt wird, ist ein dreistöckiger Wohn- und Repräsentationsbau mit „Beletage“ im zweiten Stock, wo sich zum Fluss hin die große Tafelstube befand. Diese öffnete sich zum Schlosshof hin in einer Laube, von wo der Junker zu seinen Untertanen sprechen konnte. Zum Tor hin wurde bald noch ein – vermutlich deutlich kleinerer – „Neuer Bau“ errichtet. Baueinheitlich mit dem Schloss errichtete man ein versetzt parallel stehendes Wirtschaftsgebäude, zugleich Stall und Fruchtkasten und baulicher Vorgänger des immer noch „Fruchtkasten“ genannten Schlossflügels, der bis 1972 das Gammertinger Stadtbild prägte.

Interaktiver Stadtplan

Gammertingen an einem Wendepunkt

„Der barocke Dreiecks–Markt“

Die Illustration zeigt den Blick von der Gegenseite auf die Stadt, das Dorf Gammertingen liegt am linken Flussufer. Das 17./18. Jahrhundert brachte große Veränderungen, vor allem bedingt durch das wachsende Repräsentationsstreben der absolutistischen Stadtherrschaft, begrenzt nur durch dauerhaft mangelnde Geldmittel. Dass deswegen in großem Umfang auf Fronleistungen zurückgegriffen wurde, bewirkte für viele Jahrzehnte zum Teil dramatische Auseinandersetzungen zwischen Stadtherrn und Bürgerschaft. Gegenstand des Streits waren unter anderem die umfangreichen Baumaßnahmen an den herrschaftlichen Gärten außerhalb der alten Stadtmauer, für die der Stadtgraben nach außen verlegt werden musste, bevor er pittoresk mit Lauchertwasser geflutet wurde. Erst 1712 konnte die Situation befriedet werden und in Gestalt eines Trochtelfinger Kaufmanns namens Heinrich Clavell gelang der Durchbruch. Im Tausch gegen politischen Einfluss und soziale Stellung investierte Clavell enorm in seine neue Heimatstadt. Um den Preis des Abbruchs des spätmittelalterlichen Wohnviertels zwischen Zehntscheuer und Oberem Tor konnten die Speth die Modernisierung des Stadtbilds durchsetzen: In den 1720ern entstand ein langschmaler Dreiecksmarkt über die ganze Länge der Stadt, gekrönt vom in Barockformen erstrahlenden Clavellschen Hofgut am Oberen Tor. 1725 feierte man im „Ochsen“ – dem mittelalterlichen Bürgerhaus, dessen Prachtgiebel nun tatsächlich auf einen Markplatz schaute – das neuerliche Marktprivileg, mit dem Gammertingen ein weiterer Jahrmarkt genehmigt wurde. Die Speth konnten mit dem Clavellschen Tempo gleichwohl nicht mithalten, was vor allem dynastische Ursachen hatte. Ludwig Friedrich Speth, der Initiator der Modernisierung der Stadt, starb 1725 überraschend, sein Sohn Marquard Rudolph Anton regierte nur von 1732 bis 1740 und hinterließ dabei einen einjährigen Sohn. Zu diesem Zeitpunkt stand gerade einmal der Südostflügel des geplanten zweiflügligen Barockschlosses. Ab 1765 herrschte Marquard Carl Anton Speth. Um den Bau des Lauchert-Schlossflügels realisieren zu können, baute er 1769 das Amtshaus am Tor (rechts davon) zum „Schlössle“ aus, in welches während der Bauzeit die Schlossverwaltung ausgelagert wurde. Kurz vor Baubeginn lernte er jedoch den Straßburger Stararchitekten Pierre Michel d’Ixnard kennen – und gemeinsam schmiedeten sie deutlich größere Pläne. Statt eines stilistisch zum „Fruchtkasten“ passenden Lauchertflügels wurde 1776 ein höherer und breiterer Schlossbau errichtet, der baulich über den älteren „Fruchtkasten“ gestülpt wurde. Das Schloss, das heutige Gammertinger Rathaus, war nur der Wohnbau der Familie - Verwaltung, Repräsentation sowie die Schlosskapelle sollten in einem Zwillingsbau realisiert werden, der jenseits eines prächtigen klassizistischen Torbaus bis zum mittelalterlichen Badhaus (ganz rechts vorne) gereicht hätte. Der Plan ging schief. Im Jahre 1791 stand Speth jedoch kurz vor dem Durchbruch. Er hatte die Stadt erfolgreich genötigt, das alte Rathaus gegen das spätere Gasthaus zur „Sonne“ (das letzte zur Hauptstraße giebelständige Haus rechts vor dem Oberen Tor) zu tauschen. Im Bild ist der Abbruch des spätmittelalterlichen Gebäudes zu sehen. Besitzrechtlich stand dem geplanten Schlossbau zu lediglich das rechts anschließende Winkelhakengehöft im Weg. Im selben Jahr kündigte der Baron den Neubau des Unteren Tors an, das der Herrschaft gehörte. Marquard Carl Antons hochfliegende Pläne zum Umbau Gammertingens in eine klassizistische Modellstadt (außer dem Schloss hatte Speth den Neubau von St. Leodegar, ein Kaplaneihaus, schließlich auch beide Stadttore im Visier) sollten schließlich Stückwerk bleiben. Architekt d’Ixnard starb 1795 zurückgezogen im Elsass, 1796 wurde Gammertingen in die Koalitionskriege hineingezogen, welche Speth bis zu seinem Tod 1801 in Anspruch nahmen. Um 1810 wurden die Stadttore abgebrochen, der Marktplatz öffnet sich seither optisch nach beiden Seiten.

Interaktiver Stadtplan
Gammertingen


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